, ,

der mord als schöne kunst

Mörderische Inszenierungen

Von Günter Daubenmerkl

Mord hatte schon immer sein Publikum. In Georg Büchners Woyzeck zeigt der Gerichtsdiener mit seinem „Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön wie man ihn nur verlangen kann“ die sensationsgeile Erregung des Bürgers, wenn es um einen Mord geht. Kaum ein anderer Bruch eines bürgerlichen Tabus kann die Sensationslust mehr befriedigen. Noch der in Wachs modellierte Mörder, in Madame Tussauds Chamber of Horrors neben seinem „wirklichkeitsecht“ drapierten Opfer ausgestellt, ruft beim Betrachter ein wohliges Schaudern hervor. Der Täter wird als Rebell gegen die moralische und soziale Ordnung seiner Zeit gezeigt, und dem gutbürgerlichen Publikum wird für einen Augenblick ein Spalt weit die Tür zu einer bedrohlichen Parallelwelt geöffnet, die nicht den bürgerlichen Gesetzen folgt.

Ein Mordsgeschäft

Die journalistische und literarische Vermarktung eines Mordes ist nicht neu. Im Theater der Shakespearezeit waren Mord und Totschlag gängige Ingredienzien, und sie waren auch in der bürgerlichen Tragödie des achtzehnten und im Drama des neunzehnten Jahrhunderts allgegenwärtig. In mindestens 16 der 37 kodifizierten Dramen Shakespeares geschieht zumindest ein Mord, und die makabren Dramen John Websters und John Fords sind ohne Blutvergießen nicht denkbar. Mehr als siebzig englischsprachige Theaterstücke des neunzehnten Jahrhunderts tragen bereits im Titel das Wort „Mord“, und die Schauerromane von Horace Walpole, Mary Shelley und Bram Stoker, leben ebenso vom Töten wie die „Newgate Novels“ eines Wilkie Collins oder William H. Ainsworth. Mord war zu jeder Zeit ein Garant für volle Theater und für hohe Auflagen.

Dabei hatte Mord nicht immer diesen Stellenwert. Dante verbannte im Inferno seiner Divina Commedia die Mörder, ganz entgegen unserem heutigen Rechtsverständnis, nur in den oberen Kreis der Hölle. Mord wurde als nicht so verwerflich angesehen wie Verführung, Bestechung, Korruption oder Verrat, die alle in den tieferen Kreisen des Infernos gesühnt werden mussten. Tötung im Affekt, aus Eifersucht etwa oder aus Jähzorn, wurde bei Dante sogar bereits vor den Toren der eigentlichen Höllenstadt abgehandelt.

Doch in unserer Zeit wird Mord als das schwerwiegendste Verbrechen an der menschlichen Gemeinschaft betrachtet. Heuchelei dagegen, Betrug, Habgier, Bestechung und Verrat sind zu gewöhnlichen Vergehen mutiert, zu lässlichen Sünden. Sie sind alltäglich geworden, werden im Großen und Kleinen praktiziert und kaum noch wahrgenommen. Sie werden als Rezept für den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg sogar empfohlen.

Aus Dantes Katalog der Verbrechen, die eine Sühne im Inferno nach sich ziehen, ist uns postmodernen Menschen als schwerwiegendes Verbrechen offensichtlich nur der Mord geblieben. Das kann nur logisch sein in unserer protovirtuellen Zeit, in der man erst durch seinen Körper nachweisen kann, dass man überhaupt real existiert und kein Avatar ist. So ist heute, wo die „Authentizität“ des Individuums dem Allgemeinwohl vorgeordnet wird, Mord mit einem stärkeren Tabu belegt als in früheren Zeiten.

Die schöne Kunst des Mordens

Der menschliche Körper verliert als Leiche jeden Wert. Wir verspüren Unsicherheit und Scheu bei ihrem Anblick. Sie widerspricht unserem ästhetischen Empfinden, denn wir ahnen die Zukunft unseres eigenen Körpers voraus, als, wie Hamlet es ausdrückt, „diet for some worms“. Der Vorgang des Sterbens, sei er nun natürlich oder gewaltsam hervorgerufen, entspricht nicht unseren ästhetischen Kategorien, solange wir ‚ästhetisch’ mit ‚schön’, ‚ausgewogen’ und ‚ansprechend’ gleichsetzen. Folgerichtig wird in unserer Gesellschaft der Tod gerne aus dem natürlichen Zyklus des Lebens ausgeschlossen. Erst in der Kunst, wenn er auf der Leinwand abgebildet oder als Skulptur verfremdet dargestellt wird, sind wir wieder bereit, dem Tod zu begegnen.

In seinem Essay On Murder Considered as One of the Fine Arts (1827/54) postuliert Thomas De Quincey, dass Mord eine Form der Kunst sei. Er reitet damit einen perfiden und makaber satirischen Angriff gegen die moralische und soziale Ordnung der viktorianischen Gesellschaft und provoziert die Scheinheiligkeit der Viktorianer, die gerade dabei waren, durch die Ausbeutung der Arbeiter in England und durch die Unterdrückung indigener Völker in den Kolonien ein Empire zu errichten.

In De Quinceys Essay versuchen die Mitglieder seines „Höllenfeuerclubs“, einen Mord nach ästhetischen Kriterien zu beurteilen, ihn gleichsam als eine Art Happening der Kunstkritik zu unterwerfen. Sie beurteilen seinen ästhetischen Wert nach Formgebung, Sinn für Gruppierung, Beleuchtung und poetischem Empfinden – allesamt Kriterien der L’art pour l’art-Bewegung. Auch der oben zitierte Ausruf des Gerichtsdieners, der die Sensationsgier zeigt, die tief in uns allen steckt, enthält bereits eine ästhetische Wertung, die den Mord mit dem Vokabular der Kunstkritik beschreibt.

Jedoch, Mord ist nicht zweckfrei. Im Gegensatz zum Tier, das nur tötet, wenn es Hunger hat, tötet der Mensch auch aus anderen Motiven: aus Geld- und Machtgier, aus Neid, Hass und aus Rachsucht – also aus Motiven, die aus dem Katalog der Todsünden bekannt sind. Wenn man De Quinceys Gedanken folgt und den Mord als einen Akt der Kunst betrachtet, gilt beim Morden das ästhetische Prinzip des „form follows function“; dem Mordmotiv entsprechend ist ein jeweils anderes Vorgehen des Täters nötig. Die ästhetische Qualität eines Mordes, also seine Perfektion, kann dann daran gemessen werden, ob das Opfer dem Motiv angemessen getötet wurde, ob der Täter mit der Tat sein Ziel erreichte und vor allem, ob er unerkannt entkommen konnte, was bei einer Aufklärungsrate von 92,6% für Mord (laut deutscher Kriminalstatistik) eher unwahrscheinlich ist.

Perfekte Morde

Perfekte Morde finden nur in der Literatur statt. Solange dabei der Mord aus der Distanz beobachtet werden kann und der Zuschauer nicht selbst involviert ist, wird der blutige Hergang goutiert. Eine ferne Zeit, exotische Länder, fremde Ethnien oder ungewohnte Milieus schaffen zusätzlich eine Distanz, die Sicherheit gibt und den ungetrübten Genuss erlaubt. Die allzu großzügige Verwendung von Theaterblut hingegen verunsichert den Zuschauer, und schon sein süßlicher Geruch verursacht ihm Unwohlsein. Die Rampe scheint nicht mehr den Kunstraum der Bühnenhandlung vom Realraum des Zuschauers zu trennen, in dem er sicher ist vor Blutspritzern. Er fühlt sich provoziert und in die Handlung hineingezogen. Ein realistisch inszenierter Bühnenmord kann also durchaus die Gefühle des Zuschauers wecken und ihn zum Nachdenken bringen. Er kann Anstoß sein, um den Zustand der Gesellschaft zu überdenken.

Shakespeare war ein Meister bei der Erfindung und Inszenierung individueller Todesarten. Vom einfachen Erdolchen bis zum Ertränken im Weinfass ist bei ihm alles zu finden – und in Othello gelingt seinem Jago auch (fast) der perfekte Mord. Durch Unterstellungen, Einflüsterungen und Lügen reizt er seinen Feind Othello zum Mord an Desdemona, damit dieser so der Todesstrafe verfällt, während Jago selbst mit reinen Händen dasteht.

Damit kann das Vorgehen Jagos als Blaupause für das Vorgehen der heute Mächtigen beim Orchestrieren ihrer Konflikte gesehen werden. Der Zuschauer, das Volk, wird durch Unterstellungen und Fälschungen getäuscht und provoziert. Im Konfliktfall schaffen die „Smart Weapons“ und das „Clean Killing“ eine Kunstwelt der Propaganda, die wie im Theater von der Realwelt des Sterbens getrennt ist und beim Weltpublikum für die nötige Distanz zum Morden sorgt. Die Bombardierung Kiews und Gazas kann dann am Fernsehschirm bei einer Tüte Erdnussflips verfolgt werden. Das Töten scheint nur virtuell stattzufinden, und wir können saubere – und damit perfekte – Morde beobachten und müssen unser biedermännisches Gewissen nicht belasten.

Während jedoch in einem Whodunit am Ende die Ordnung der Welt wieder gerade gerückt wird und die Täter (fast) nie ungeschoren davonkommen, bin ich mir bei den Mächtigen, die heute ihr Mordsgeschäft im großen Stil verrichten, nicht so sicher. Ihr omnipräsenter Einfluss scheint zu groß und die korrumpierten Wahrheiten, die sie als „alternative Fakten“ verbreiten, scheinen für unkritische Mitmenschen zu „plausibel“ und „glaubhaft“ zu sein, um scheitern zu können.

Doch es hilft nicht, wenn wir vor dieser Bedrohung den Kopf in den Sand stecken oder wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren. Im Märchen von Hans Christian Andersen über Des Kaisers neue Kleider wird sichtbar, wie die Bemerkung eines Kindes den Umstehenden Mut machen kann. Es spricht aus, was alle sehen, aber niemand auszusprechen wagt: „Der Kaiser ist ja nackt.“ Das Kind stellt die kaiserliche Eitelkeit bloß und macht sie lächerlich. Wir sollten uns nicht von einem Kind beschämen lassen und dürfen nicht aufhören, die Aussagen der Wortführer jeglicher Couleur kritisch zu untersuchen. Dann würden wir schnell deren Unmoral sehen und erkennen, wie sie versuchen, uns durch ihre Gier und Eitelkeit und die arrogante Schamlosigkeit ihrer Lügen mundtot zu machen, damit sie ihr Mordsgeschäft weiterhin ungehindert ausüben können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert