Von Günter Daubenmerkl
Familien scheinen einen unerschöpflichen Fundus an dramatischen Geschichten zu bieten. Das beginnt bereits mit der ersten Familie, die uns in der Bibel begegnet: Kain erschlägt aus Neid seinen Bruder Abel. Und wenn wir nicht bei Adam und Eva beginnen wollen, sehen wir, dass auch in den Schöpfungsmythen des griechisch-römischen Götterhimmels die Streitereien zwischen den Gottheiten an der Tagesordnung waren. Wir finden auf dem Olymp ausreichend Familien, in die wir nicht wünschen, hineingeboren zu sein. Wir wären der Willkür selbstverliebter Familienangehöriger ausgesetzt, würden zu Opfern eines rücksichtslosen Vaters oder der Launen streitsüchtiger Geschwister.
Auf unserem humanistischen Bildungsweg haben wir die menschenverachtende Atmosphäre der antiken Götterwelt ausreichend kennengelernt. Die Bewohner des Olymps, die uns von antiken Autoren als Familienverband vorgestellt werden, bildeten eine wahrhaft unmenschliche Sippe. Der Titan Kronos entmannte seinen Vater Uranos, um an die Macht zu kommen und verschlang später seine eigenen Kinder gleich nach ihrer Geburt, aus Angst, dass sie ihn selbst entmachten könnten. Zeus heiratete seine eigene Schwester, machte sich einen Namen als notorischer Fremdgeher und zeugte eine ansehnliche Reihe außerehelicher Kinder. Von den Menschen und auch von seiner eigenen Familie wurde er gefürchtet wegen seiner Launenhaftigkeit und seiner Willkür.
UNTAUGLICHE VORBILDER
Bezeichnend für den Familiensinn der Götter ist eine Szene, die von Ovid in den Metamorphosen beschrieben wird: Mars, ein Sohn des Jupiters, bandelt mit Venus, der Frau seines Bruders Vulkan an und wird von ihm in flagranti erwischt. Jupiter ruft daraufhin den Rest der Familiezusammen, um sich gemeinsam an der Szene zu ergötzen und über die ertappten Betrüger und auch den Betrogenen zu lachen. So ist es wirklich nicht verwunderlich, dass der Grieche Xenophanes um 500 v.Chr. schreiben konnte:
„Alles haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebruch und gegenseitiger Betrug.“
Das Verhalten der olympischen Götter war von den Menschen nicht länger tragbar. Es war nicht vereinbar mit der von den frühen Stadtstaaten angestrebten gewaltfreien Sozialstruktur des Volkes. Norbert Elias zeigte, wie die Menschen im Prozess ihrer Zivilisierung beim „Aufbau ihrer Gesellschaft zu einem sehr hohen Maß von Zurückhaltung, von Affektregelung, von Triebverzicht und -verwandlung gedrängt [wurden und dazu,] eine Fülle von Verrichtungen, von Triebäußerungen und Wünschen in private, dem Blick der Außenwelt entzogene Enklaven der Heimlichkeit zu verlegen.“
Eine dieser „Enklaven der Heimlichkeit“ ist zweifelsfrei die Familie. Der so oft beschworene Kokon „My home is my castle“ schützt gleichermaßen die Familie vor äußeren Anfeindungen und davor, dass ein nachteiliges Bild der Familie nach draußen dringt. In der Enge dieser Schutzhülle müssen die Menschen nun aber, wie Norbert Elias schreibt, „im Spannungsfeld zwischen den als Selbstzwang angezüchteten gesellschaftlichen Geboten und Verboten und den unbewältigten und zurückgehaltenen Trieben und Neigungen im Menschen selbst“ leben. Willkür und Gewalt, in der Öffentlichkeit tabuisiert, werden in der „Enklave der Heimlichkeit“ dem Blick und der Kontrolle der Öffentlichkeit entzogen. Sie werden wie die verhüllten Objekte von Christo und Jeanne-Claude vor den Blicken Außenstehender verborgen, die jetzt nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ zur Tagesordnung übergehen können. Egoismus, Neid und Gier brodeln währenddessen aber munter weiter unter dem Schutzmantel der Familie.
UTOPIEN
Dass die Natur des Menschen alleine durch die Tabuisierung von Missständen zum Besseren geändert werden könne, ist ein schöner Traum. Das hat sich immer wieder gezeigt. Dieser Utopie steht die Idee gegenüber, dass durch eine Erziehung, die sich der Ratio und der Emanzipation verpflichtet, das menschliche Zusammenleben verbessert werden könne. Diese pädagogische Tradition bildet, ausgehend von Platon über Rousseau bis hin zu Max Weber und A.S. Neill, die historische Grundlage für jede Bildungspolitik. Sie ist offen für neue Gedanken und bildet mündige Menschen im Geiste einer universalen Moral heran. Dabei hat sie stets die Entwicklung des Kindes im Blick, und sie respektiert dessen Autonomie.
Damit ist diese pädagogische Tradition das Gegenteil von politischen Utopien, seien es nationalistische oder sozialistische. In diesen wird das Erscheinungsbild ganzer Gesellschaftssysteme, die ihren Ideologien unterworfen sind, bis ins kleinste Detail vorgegeben. Die stalinistischen und maoistischen Umerziehungslager oder die „Napola“ (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) der NSDAP sind Beispiele für eine vom Staat gelenkte Pädagogik. Sie sollten für die ideologische Gleichschaltung der Bevölkerung sorgen. Utopia von Thomas Morus und La città del Sole von Tommaso Campanella zeigen uns solche gleichgeschalteten Gesellschaften, die bereits von Jonathan Swift in Gulliver’s Travels verspottet werden. Bereits Platon sah die Gefahr einer möglichen Indoktrination durch Erziehung und lehnte jeden Gedanken an eine „Erziehungsdiktatur“ ab: „Wenn aber einer gar nicht um Rat fragt oder offensichtlich einem Ratgeber keinesfalls folgen wird, auf so einen Menschen gehe ich ungebeten nicht zu mit meinem Rat, und zwingen werde ich niemanden mit Gewalt – und wenn es mein Sohn ist“, schrieb er.

Es ist allerdings zu befürchten, dass in vielen Familien, in denen ja die primäre Erziehung stattfinden soll, Platons Gedanken nicht gehört werden. Im Biotop „Familie“ herrscht zu oft noch der Moralkodex der olympischen Götterwelt, scheinen Willkür, Ehebruch und Egoismus alltäglich zu sein, während das Wort des Familienoberhauptes Gesetz ist. In der Enge der Familie, in einem deutlich geschrumpften Götterhimmel, in der der Andere die Hölle ist, wie Sartre sagt, sind es jetzt aber armselige Bürger, die versuchen, es den Göttern gleichzutun. Doch der Doch der Glanz der Olympier, der in den Tragödien des Euripides und Sophokles strahlte, ist vergangen.
Die Vorstellung von einer idealen Familie muss wahrscheinlich Utopie bleiben. Das Bild einer Idealfamilie, in der Vater-Mutter-Bruder-Schwester friedlich zusammenleben, das Andachtsbild von Brüderchen und Schwesterchen, gehört in die Mottenkiste romantischer Märchen. Sie waren nie etwas anderes als Wunschträume von Sozialromantikern. Zu viele selbständige Individuen, zu viele unterschiedliche Ideen sind in einer Familie unter einem Dach vereint. Streit ist vorprogrammiert. Wie viel Anweisung, wie viel Toleranz sind nötig, wie viel Freiheit ist möglich? Mir scheint die wichtigste Grundlage für ein gutes Familienleben eine gute Kommunikation der Mitglieder untereinander zu sein und die Bereitschaft, den Anderen als freien Menschen zu akzeptieren, mit eigenen Ideen, mit einer eigenen Persönlichkeit. Womit wir wieder bei Platon wären.
ARMSELIGE FIGUREN
Uns kommen die Figuren, die in den bürgerlichen Dramen auftreten, bekannt vor. Wir treffen sie tagtäglich auf der Straße: den misanthropischen und miesepetrigen Alceste aus Molières Der Menschenfeind, den knauserigen Harpagon aus Der Geizige und Argan aus Der eingebildete Kranke, der nur herumjammert und kein anderes Thema hat als seine Wehwehchen. Diese Figuren sind wirklich nicht brauchbar für Tragödien, wo sie ihren Standpunkt bis zum bitteren Ende vertreten müssen. In den eigenen vier Wänden stehen sie zwar dem Göttervater in Willkür und Machtmissbrauch in keiner Weise nach. Sie richten in ihren Familien Unheil an, malträtieren sie mit ihren Launen und bestimmen selbstherrlich über das Schicksal ihrer Kinder. Doch für Tragödien ist ihr Leben zu unbedeutend, es reicht nur für armselige Komödienfiguren, die, bevor sie im Grau der Hinterbühne untertauchen, von ihren Angehörigen bloßgestellt werden. In diese Reihe gehören auch Shakespeares seniler Lear, der nur noch in der Erinnerung an seine einstige Macht lebt, oder aber Hamlet, der sich in seiner pubertären Unsicherheit nicht entscheiden kann. Sie machen sich selbst zu komischen Figuren, zu Clowns, über die man nur lachen kann.
Gefährlich wird es aber dann, wenn diese „Familienhelden“ vom Floh der Egomanie gebissen werden und aus ihrem gewohnten Biotop ausbrechen. Wenn sie beginnen, Andachtsbildchen zu verteilen, auf denen sie sich als Wunderheiler darstellen. Wenn sie sich wie Blitze schleudernde Götter aufführen und die Welt beherrschen wollen. Aber Hoffnung bleibt: Das norddeutsche Märchen vom Fischer und seiner Frau schickt die Fischerfamilie, als die Frau wie Gott sein will, wieder in ihre Kate zurück. Molière lässt seine gescheiterten egomaniacs im Dunkel der Hinterbühne verschwinden, Shakespeare lässt sie trübsinnig werden, und Dante verbannt sie in den tiefsten Kreis seines Infernos, in den Eissee, was mich wiederum an Grönland denken lässt.

